Kunst
Erziehen ist Kunst
Von der Erziehungswissenschaft zur Erziehungskunst, dies ist der angestrebte Weg der Ausbildungen am Rudolf Steiner Institut. Dem liegt ein weit gefasster Kunstbegriff zu Grunde. Der Künstler Johannes Stüttgen charakterisiert diesen in wunderbarer Weise so:
„In jedem Menschen lebt ein zweiter Mensch, der allerdings kaum wahrgenommen wird, weil er für das äußere Auge unsichtbar ist. Dieser zweite Mensch bleibt normalerweise klein, winzig, denn er bekommt zu wenig zu essen. In der Bibel steht: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein." Das ist keine fromme Redensart, sondern ein wissenschaftlich exakter, wenn auch versteckter Hinweis auf den zweiten Menschen. Da ergibt sich die Frage: "Wovon lebt er dann?" Die Antwort: "Dieser zweite Mensch lebt von der Kunst."
Von der Kunst soll er leben? Ja. Wer ganz still ist, hört den zweiten Menschen in sich schreien, weil er in großer Not ist. Ihm fehlt alles: die geistige Nahrung und die geistige Luft zum Atmen. Und die Methode, wie wir diese Luft und Nahrung an ihn heranbringen können, die nenne ich: Kunst! Hier wird unter "Kunst" freilich etwas anderes verstanden als üblicherweise. Will man dahinter steigen, muss man die gewohnten Vorstellungen und Begriffe aus ihrer Verkrustung heraus sprengen.
Die Kunst, die ich meine (die der zweite Mensch zum Wachsen benötigt), ist im Moment noch für die meisten ebenso unsichtbar, wie der zweite Mensch selbst. Aber sie steckt als Fähigkeit in jedem. Nicht nur in ein paar Auserwählten! Es handelt sich dabei um die Freiheitsenergie. Dies ist eine Idee, die sich solange im Verborgenen entwickeln musste, bis sie für die Konfrontation mit der äußeren Welt stark genug geworden ist. Die Lage, in die wir uns in den letzten Jahrzehnten als Menschheit hinein manövriert haben, macht es nun erforderlich, dass diese Idee immer klarer in der Öffentlichkeit vertreten wird. Ein Gesichtspunkt ist dabei der Gedanke eines freien Schulwesens in Selbstverwaltung, aber auch der direkten Demokratie, die realisiert werden muss. Wer es genauer wissen will, wird weiter nach bohren.
Bloße Zukunftsmusik? Ja, das ist die Musik des "Zukunftsmenschen". Die Verwirklichung der Freiheitsgestalt des sozialen Organismus auf allen Gebieten hängt von unserer Behutsamkeit und Ausdauer ab. Auch das hat etwas mit Kunst zu tun, Kunst hier verstanden nicht als Spezialbereich, sondern als alles umfassende Methode im Vorgehen der Neugestaltung des sozialen Lebens. Ein menschliches Prinzip, das statt Zwang den Freiheitsimpuls setzt, statt Dogmatismus und Fanatismus menschliche Wärme und Liebe. Kunst ist das, was uns von innen mit Energie versorgt, die wir brauchen, um die Verhältnisse selbst zu einem Gesamtkunstwerk zu gestalten: Die Soziale Plastik.
Soll die Welt also ein Kunstwerk werden oder
verrotten?
Um diese Frage geht es.“

